Predigt vom 15.3. Johannesgemeinde im Zeichen der Corona - Pandemie

Liebe Gemeindeglieder,

Okuli heißt dieser Sonntag, der 15. März, nach dem Leitvers des Sonntags aus Psalm 25,15: „Oculi nostri ad Dominum Deum / Unsere Augen sehen stets auf den Herren“.

Mit unseren Konfirmanden haben wir für diesen Gottesdienst den für die Fastenzeit grundlegenden
Evangelienabschnitt Matthäus 4, 1-11 vorbereitet. Dieser Abschnitt ist unter der Überschrift „Die Versuchung Jesu“ bekannt und erzählt von einer 40-tägigen Fastenzeit Jesu in der Wüste. Der Gottesdienst wurde eine Stunde vor Beginn abgesagt.

Im Februar haben wir uns dem Text zunächst noch ganz allgemein genähert. Uns ist aufgefallen, dass es kein blindes Schicksal ist, das Jesus in die Wüste verschlägt, sondern ganz im Gegenteil der Geist Gottes selbst, den er unmittelbar zuvor in Kapitel 3 während der Taufe empfangen hat. Die Einheit mit Gott lässt Jesus also nicht einfach in selige Gefilde entschweben, sondern führt ihn in den Ort der Entbehrung, der Einsamkeit und Not, in die „Wüste“.

Je näher es auf den heutigen Gottesdienst zuging, desto mehr kam dann die Corona-Krise in unseren Blick und auch in den Horizont der Textinterpretation.

Plötzlich wurde „Wüste“ zu einem anderen Begriff für „Quarantäne“. Fernsehbilder von „toten“ italienischen Innenstädten und Autostraßen boten auf einmal neue Illustrationen für die „Wüste“. Unsere Geschichte spielte auf einmal nicht mehr nur in einer fernen Zeit an einem ganz unterschiedlichen Ort, sondern kam uns immer näher. Wenn das aber so ist, dann - und das wäre unsere heutige Botschaft gewesen- dann sollen wir gewiss sein: Als Christen dürfen wir glauben, dass Gottes Geist es ist, der uns führt und unsere Wege lenkt. Ja, auch durch schwere Zeiten. Aber wir können sie bestehen, wenn wir wie Jesus in der Einheit mit Gott leben, gemäß dem Motto: „Unsere Augen sehen stets auf den Herren.“

Wir leben in der Fastenzeit. Eine Zeit, die für viele ihre Bedeutung verloren hat. Jetzt aber könnten wir alle auferlegten Beschränkungen als ein ganz bewusstes Fasten neu sehen lernen und annehmen. Aus „Sieben-Wochen-ohne“ (Fleisch, Süßigkeiten, Alkohol etc.) wird eine unbestimmte Zeit (2 Wochen zunächst?) des Kontakt-Fastens, ein Fasten von spontanen Erlebnissen, Aktivitäten und Gruppenerlebnissen. Wir könnten diese Krisenzeit nicht nur als Katastrophe betrachten, sondern auch die Chancen darin sehen, die in dieser Unterbrechung unseres normalen Alltags liegen.

All das soll die Schwierigkeiten und konkreten Nöte, die jetzt für viele entstehen, natürlich nicht kleinreden. Ihnen soll unsere Aufmerksamkeit und Fürsorge gelten. Wenn unsere Augen sich auf Gott richten, werden sie auch auf unsere Nächsten gelenkt.

Unser Bibeltext endet so: „Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.“ So werden wir nach dieser Wüstenzeit auch zurückblicken: Da verließ uns der Virus. Dann werden wir das neue Leben feiern wie Ostern. Und neue Kräfte und Lebensfreude werden in uns aufbrechen. Und manche werden sich erinnern, wir viele einander gerade in der Krise zu rücksichtsvollen, vernünftigen und hilfreichen Engeln geworden sind!


Es grüßt Sie sehr herzlich Ihr Pfarrer Claudius Kurtz