Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. AMEN.

 

Psalm 34 (in der Auswahl EG 718)

Ich will den Herrn loben allezeit;

sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,

dass es die Elenden hören und sich freuen.

Preiset mit mir den Herrn

und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!

Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir

und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude,

und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

Als einer im Elend rief, hörte der Herr

und half ihm aus allen seinen Nöten.

Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten,

und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.

Wohl dem, der auf ihn trauet!

Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen!

Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

Reiche müssen darben und hungern;

aber die den Herrn suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.

Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr

und errettet sie aus all ihrer Not.

Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind,

und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

Der Gerechte muss viel erleiden,

aber aus alledem hilft ihm der Herr.

Der Herr erlöst das Leben seiner Knechte,

und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

 

Eingangsgebet

Allmächtiger und barmherziger Gott,

vor Dir kommen wir zur Ruhe. Die vielen Stimmen um uns herum verstummen. Wir atmen auf.

Zu Dir kommen wir, zur Quelle. Hier können wir die tiefen Fragen zulassen: wer bin ich? Was ist wirklich wichtig?

Du, Gott, stellst unsere Füße auf weiten Raum. Danke. Amen.

 

„Komm, o komm, du Geist des Lebens“ (EG 134,1-4)

1. Komm, o komm, du Geist des Lebens, wahrer Gott von Ewigkeit,

deine Kraft sei nicht vergebens, sie erfüll uns jederzeit;

so wird Geist und Licht und Schein in dem dunklen Herzen sein.

 

2. Gib in unser Herz und Sinnen Weisheit, Rat, Verstand und Zucht,

dass wir anders nichts beginnen als nur, was dein Wille sucht;

dein Erkenntnis werde groß und mach uns von Irrtum los.

 

3. Lass uns stets dein Zeugnis fühlen, dass wir Gottes Kinder sind,

die auf ihn alleine zielen, wenn sich Not und Drangsal find’t,

denn des Vaters liebe Rut ist uns allewege gut.

 

4. Reiz uns, dass wir zu ihm treten frei mit aller Freudigkeit;

seufz auch in uns, wenn wir beten, und vertritt uns allezeit;

so wird unsre Bitt erhört und die Zuversicht vermehrt.

 

Liebe Gemeinde!

Viele alltägliche Redensarten entstammen der Bibel.

Mit zu den bekanntesten gehört „Ein Herz und eine Seele sein.“

Dass „ein Herz und eine Seele sein“ mehr bedeutet als ein emotionales „die verstehen sich gut, die mögen sich“ … - dass das im wörtlichen Sinne materielle Auswirkungen hat, zeigt die Erzählung über die christliche Urgemeinde aus Apostelgeschichte 4:

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

 

Liebe Gemeinde,

„das Sein bestimmt das Bewusstsein“, die materiellen Bedingungen bestimmen das Denken und die Ideologie – das ist einer der Kernsätze des Marxismus.

Und auch die andere, die kapitalistische Seite ist zutiefst materiell. Der Materie verhaftet. „Geld regiert die Welt.“ Was letztlich zählt, ist, was man hat. Was man investieren kann. Was man produzieren kann. Was man haben kann. Vielleicht „ist“ man sogar, was man „hat“?

Eine solch materialistische Sicht auf die Welt ist nicht abwegig. Dafür gibt es Argumente und Beobachtungen. Aber ist sie auch wahr? Ist sie unumstößlich wahr?

Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte beschreibt, dass für die urchristlichen Gemeinden offenbar eine andere Logik galt. Dass das Materielle zwar eine Rolle spielte – in den Paulusbriefen kommt z.B. immer wieder vor, dass für die Gemeinde in Jerusalem von den Neugründungen Geld gesammelt wurde. Es ging auch um Geld, um materielle Dinge. Aber zum urchristlichen Credo scheint zu gehören, dass Besitz keine wirklich „innere“ Bedeutung haben dürfe.

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

„Urchristlicher Liebeskommunismus“ heißt das in den theologischen Lehrbüchern. Und dann wird meist seitenweise debattiert, ob das wohl wirklich so war oder ob Lukas (der außer dem Lukasevangelium auch die Apostelgeschichte verfasst hat) maßlos übertrieben und idealisiert hat…

Über die historische Wahrheit hinter dieser Erzählung will ich nicht mit Ihnen nachdenken. Sondern darüber, welche Freiheit und Kraft in einer solchen Botschaft enthalten ist. Und was einem damit einhergehenden Selbstbild verheißen ist. Eben nicht materiell versteinert zu sein. Wo man nicht „ist“, was man „hat.“

…es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

Meine Vermutung ist, dass diese beiden Dinge: die Gütergemeinschaft und die kraftvolle Verkündigung zusammenhängen.

Die Botschaft von der universalen Liebe, vom Heil in Christus, vom weiten Raum, die Rede vom großzügigen Gott war glaubhaft, weil zu sehen war, dass die Christen nicht nur davon redeten, sondern dass sie so lebten. Dass sie glaubten, hofften, liebten. Teilten. Und nicht sparten, rafften, absicherten. Knauserten.

Wem gebe ich recht? Der Liebe oder dem Besitzen? Dem „Haben“ oder dem „Sein“? Dem Aufatmen oder dem Verkrampfen?

Durch die Geschichte des Christentums lässt sich diese Spannung immer wieder wahrnehmen. In der Geschichte des Mönchtums z.B. Da gibt es immer wieder Reformprogramme, weil die Botschaft immer wieder durch Besitzdenken korrumpiert wurde…

Und es ist eine tatsächliche Spannung, eine tatsächliche Frage, bis heute. Welches Recht, welche Bedeutung hat materieller Besitz, Geld? Wir alle sind keine radikalen Wandermönche. Wir besitzen. Haben.

Aber die Frage bleibt: welche „innere“ Bedeutung hat für uns Besitz und Geld? Das gilt persönlich, für jede und jeden von uns. Das gilt auch für unsere Gemeinden, für unsere Kirche.

Verkündigung, das Weitererzählen von der Großzügigkeit Gottes, ist nur kraftvoll und glaubhaft, wenn reden und handeln eins sind.

Welche Wahrheit zählt letztlich? Mein persönlicher Aufreger ist, dass ich oft schon in Besprechungen und Sitzungen war, in der (so zumindest mein Verdacht) das Sein das Bewusstsein bestimmt hat, in der letztlich die „Geld regiert die Welt“- Logik das Evangelium übertönt hat.

Da wird am Anfang ein Vorhaben diskutiert. Wie kann man das kreativ gestalten? Alle sind freudig dabei. Bis einer fragt: „Und was kostet das? Wie kann das finanziert werden?“ Und die Stimmung ändert sich. Bis in die Körperhaltung hinein werden die Leute plötzlich „kleiner.“

Dass ich nicht falsch verstanden werde: natürlich muss man rechnen, planen, Geld sammeln (in den letzten Jahren haben wir viel „gebettelt“ für die Renovierung der Stadtkirche). Aber das muss vernünftig sein. Und mein Verdacht ist, dass beim Thema Geld die Vernunft schnell an ihre Grenzen kommt. Dass Geld auch eine „Macht“ ist. Die unserer Botschaft gefährlich werden kann. Und führe uns nicht in Versuchung…

Die Erzählung aus der Apostelgeschichte zeigt auch eine individuelle Veränderung. Josef, ein Levit aus Zypern, der später eine große Rolle spielt in den urchristlichen Gemeinden, zeigt hier, dass er es Ernst meint. Er hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen. Was er „macht“, „macht“ etwas mit ihm.

Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm beschreibt einmal, dass wir das materielle Warendenken des Kapitalismus auf uns selbst beziehen. Wir taxieren uns selbst mit einem „Marktwert“ (Beziehungsmarkt, Heiratsmarkt, Arbeitsmarkt…; wir verdinglichen uns in Zahlen: Bruttojahreseinkommen, Body-Mass-Index). Als ob wir eine Ware wären. Ein Ding.

Die beschriebene Lebenswende möchte ich so deuten: Josef vertraut nicht mehr auf Äußeres. Auch nicht auf den Blick anderer Menschen auf ihn. Er vertraut sich Gott an. Und dem freundlichen Blick Gottes auf ihn.

Nicht mehr, wie er aussieht, was er leistet, zu welcher gesellschaftlichen Schicht er gehört. Nicht ob er dick/dünn ist, gesund/krank, jung/alt ist, ist mehr wichtig. Sondern einzig, dass er geliebtes Kind Gottes ist. Dass er in den weiten Raum des Evangeliums gerufen ist. Mit seinem ganzen Sein.

Wem oder was vertrauen wir?

Die Einladung des Evangeliums gilt uns und heute.

Schau nicht mit den Augen der Anderen auf Dich und Dein Lebe

Schau mit den Augen Gottes. Und Du wirst frei und gelassen.

Du „bist“ viel mehr als Du „hast“!       Amen.

 

„Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (EG 369,1-3)

1. Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit,

den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit.

Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

 

2. Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach?

Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach?

Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.

 

3. Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt,

wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt;

Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

 

Fürbittgebet

Allmächtiger und Barmherziger,

Du bist ein großzügiger Gott. Du schenkst Deinen geliebten Kindern Freiheit und Gelassenheit. Du stellst uns in den weiten Raum der Frohbotschaft. Wir atmen auf. Wir loben und preisen Dich!

Vieles bedrängt uns. Manches und manche wollen uns kleinmachen, entwerten. Sei Du uns Schutz und Schild.

Die Welt um uns herum ist durchwirkt von materieller Sicht und „Geld regiert die Welt“ – Logik. Stärke uns in der Versuchung, dem Recht zu geben.

Uns als Gemeinde, uns als Kirche hilf Leuchtturm der Liebe, des Vertrauens und der Barmherzigkeit zu sein.

Allen, die Verantwortung tragen, die rechnen und planen müssen, weite die Herzen.

An allen, die leiden – an inneren und äußeren Nöten – erweise Dich mit Deiner Kraft, die in der Schwachheit mächtig ist.

In der Stille nennen wir Dir Namen von Menschen, für die wir besonders beten……….

Über ihnen und uns lass leuchten Dein Angesicht. Amen.

 

Vater unser…

 

„Sing, bet und geh auf Gottes Wegen“ (EG 369,7)      

7. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu

und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu.

Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

 

Segen

Der HERR segne dich und behüte dich.

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

 

 

Martin Henzler-Hermann, Pfarrer an der Evang. Stadtkirche Ravensburg