Ansprache zum 10. Sonntag nach Trinitatis | 16.08.2020

Liebe Gemeinde!

Meistens ist es gut, wenn man Dinge vernünftig abwägt, gedanklich-intellektuell durchdringt, einen Schritt zurücktritt und eine positive Distanz einnimmt. Das hilft klar zu sehen.

Manchmal ist es aber auch anders. Da erkennt man Wahrheit erst, wenn man die Dinge nah an sich heranlässt. Und sich nicht hinter „objektiver“ Distanz versteckt.

Der Apostel Paulus wird oft wahrgenommen als einer, der intellektuell-distanziert theologische Fragen wälzt. Der ziemlich „im Kopf“ ist und eine gewisse Distanz zu den eigenen Gefühlen hat.

Bei einem Thema ist es anders: wenn es um Israel geht. Im Predigttext auf den heutigen Israel-Sonntag aus Römer 9 begegnet uns ein emotionaler, ein aufgewühlter Apostel:

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Denn ich wünschte, selbst verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch. Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit. Amen.

Es bricht richtiggehend aus Paulus heraus, mit viel Energie: ich lüge nicht, ich sage die Wahrheit. Und dann das Gefühl „im Herzen“: große, tiefe Traurigkeit, die schmerzt, die weh tut. Die aufwühlt und Schatten wirft.

Wie so oft ist der Grund der Traurigkeit ein Getrennt-Sein. Trennung, Nichtverstehen, eine gekappte Verbindung.

Tief empfindet Paulus, dass das erwählte Volk Gottes und die entstehende Christenheit doch zusammengehören! Dass sie die gleichen Quellen, dieselben Wurzeln haben, dass sie zu dem EINEN Gott gehören.

Dass es aber trotzdem Rivalitäten, Anfeindungen, sogar Bedrohungen mit dem Tod gibt.

 

Saulus/Paulus war ja selbst einer, der die junge christliche Gemeinde verfolgt hat. Dem sich dann Christus offenbart hat vor Damaskus.

Der jetzt aber zur Kenntnis nehmen muss, dass - nur weil er die Einheit von Jahwe und Christus sieht - das noch lange nicht alle erfahren und glauben können. Die Zugehörigkeit zum Volk Gottes – Paulus war ja Jude. Und die tiefe Einheitserfahrung mit Christus. Für viele geht das nicht zusammen und das schmerzt ihn wie eine offene Wunde.

Er würde sogar das für ihn Allerwichtigste hergeben - die Verbindung mit Christus - wenn seine „Stammverwandten im Fleisch“ sie dafür bekommen würden.

Paulus hält an der Einheit fest. An der Einheit von Jahwe und Christus. An der Einheit des Volkes Gottes und der Christenheit.

Auch die Liebeserklärung bricht förmlich aus ihm heraus: den Israeliten gehört die Kindschaft, der Bund und die Verheißungen!

Ich versuche, mir das Gesicht des Paulus vorzustellen, als er diese Zeilen geschrieben hat: flackernde Emotionen, schwankend zwischen Trauer, Schmerz und – Liebe.

Nach diesem Ausbruch der Gefühle geht Paulus dann durchaus „in den Kopf“. Über drei Kapitel des Römerbriefes reflektiert er das Verhältnis von Juden und Christen. Schon diese Ausführlichkeit zeigt, dass das keine kleine Frage ist. Bei all seinen Ausführungen betont Paulus: wir sind Geschwister. Wir gehören zusammen. Israel ist und bleibt das auserwählte Volk.

Mich berührt das Aufgewühltsein von Paulus, mich bewegen die Gefühle an dieser Stelle.

Mich bewegt auch die klare Parteilichkeit. Er stellt sich klar an die Seite, trotz erlebtem Trennungsschmerz.

Und ich frage mich - und Sie – ob das vielleicht auch heute die angemessene Haltung Israel gegenüber ist. Ob es nicht richtig und sachgemäß ist, Israel nicht distanziert, sondern emotional und parteiisch zu betrachten.

Ich weiß wohl, politisch ist das vermintes Gebiet…. – sie sollen auch nicht nachher hier herausgehen und sagen „der Pfarrer hat Recht“. Sie sollen selber dem nachdenken. Das ist ja bei jeder Predigt so.

In der Politik ist es noch wichtiger, objektiv-distanziert die Dinge abzuwägen. Und wenn man die Politik des Staates Israel betrachtet gibt es viele „objektive“ Kritikpunkte. Mich persönlich irritiert aber oft die Massivität der Kritik – von links und von rechts. Das ist heftiger als bei anderen Themen. Könnte das auch daran liegen, dass es einfacher ist in die Aggression, in die Wut zu gehen – statt Schuld und Scham auszuhalten?

Ich meine, dass ChristInnen nicht „objektiv“ sein können, wenn es um Israel geht.

Schon wegen unserer besonderen Geschichte nicht. Damit meine ich zum einen die besondere deutsche Geschichte. Es war halt unser Volk, das auf industrielle Weise Juden millionenfach ermordet hat.

Und  zum anderen meine ich die Geschichte der Christenheit. Da waren halt Juden die Opfer. Auch in Ravensburg gab es 1349 und 1430 Pogrome.

Das ist die negative Seite der Geschichte. Die positive ist: ohne das Judentum ist das Christentum gar nicht zu verstehen. Unsere Kultur wird zu Recht „jüdisch-christlich“ genannt.

Ich persönlich bin parteiisch, wenn es um Israel geht. Ich stehe dazu!

Obwohl – auch das stimmt – ich Vieles nicht verstehe. Und manches schwierig finde, was ich in den Nachrichten höre…

Gegen Ende seiner langen Ausführungen kommt übrigens auch Paulus zur Erkenntnis, wie wenig er versteht. Wie unbegreiflich und unerforschlich sind doch die Wege Gottes.

Den Schluss seiner drei Kapitel aber bildet die Zuversicht, dass in Gott die Trennung aufgelöst/aufgehoben wird. In seinen Lobpreis will ich einstimmen: Von IHM und durch IHN und zu IHM sind alle Dinge. IHM sei Ehre in Ewigkeit.

Amen.

 

Ihr

Pfarrer Martin Henzler-Hermann

Stadtkirche Ravensburg