Predigttext zum 28.06.2020

Pfarrer Philipp Jägle


Haben Sie schon einmal etwas ganz Wichtiges verloren? Ist etwas für Sie Wertvolles aus Ihrem Leben verschwunden? Jede und jeder von uns könnte wohl jetzt eine persönliche Geschichte vom Verlieren und Suchen erzählen.

 

Von den Sorgen und dem Schmerz, der sich einstellt, wenn sich die Gewissheit einstellt, dass der Schlüssel, das Erinnerungsstück oder was auch immer abhanden gekommen ist, wirklich nicht mehr da ist.

»Entlaufen« sagen wir, wenn Katze, Hund oder Zwergkaninchen plötzlich verschwinden.

Es folgt eine verzweifelte Suche an allen möglichen und unmöglichen Orten, Selbstvorwürfe und Schuldzuweisungen stel­len sich ein. Wie konnte das passieren? Wer hat den Stall nicht richtig zugemacht? Waren da nicht Marderspuren...

 

Der Sonntag heute macht das Verlorene zum Thema.

 

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lk 19,10) so der Wochenspruch. Gerade haben wir das Evangelium gehört vom Vater, der seinen Sohn verloren hatte.

Und auch die prophetische Lesung aus dem Alten Testament, die heute Predigttext ist, bringt Erfahrung von Verlust und Schuld zur Sprache.

 

Diese Texte vom Suchen und Verlieren sind dabei wie eins dieser Wackelbilder, die Kinder so faszinieren, weil sie je nach Winkel ein anderes Bild darstellen.

 

Wenn wir die Texte vom Verlieren und Suchen ein wenig kippen, dann sind auf einmal wir der oder die Verlorene.

 

Erinnern Sie sich an das Gefühl, plötzlich den Anschluss verloren zu haben, allein zurück zu bleiben in unvertrauter Umgebung?

 

Nimmt man die Worte des Propheten Micha aufmerksam wahr, sieht man das das Verloren gehen, auch im Sinn von vom rechten Weg abkommen verstanden werden kann und sich damit dann auch eine Erfahrung von Schuld verbindet.

Waren es nicht meine eigenen Erfahrungen, die mich hierher gebracht haben? Ist meine Situation nicht immer auch ein Resultat meiner Entscheidungen?

Wir haben am Mittwoch im Konfirmandenunterricht über die Ausschreitungen in Stuttgart gesprochen und haben darüber nachgedacht, dass es einem doch nicht aus Versehen passiert oder im Affekt, dass man einen ganzen Laden verwüstet und sich dabei mit dem Handy filmt.

Zumindest waren wir uns einig, dass man da die eigene Verantwortung im Nachhinein nicht wegschieben kann.

 

Das mag jetzt ein krasses Beispiel sein, aber eigentlich bewegen wir uns da im Kontext der Schuld von dem der Prophetentext spricht.

 

Nun werden viele sagen: „Was geht mich das an? Ich bin mir keiner Sünden und Schuld bewusst, ich muss auch nicht gerettet werden.“

 

Okay, solange alles gut läuft im Leben, mag mancher so denken. Solange ich auf gut ausgebauter Straße fahre, muss kein Trecker bereitstehen, der mich aus irgendeinem Graben holt.

 

Aber: Es gibt auch schlecht ausgebaute Straßen, in jedem Leben.

 

Im Winter sind sie glatt, und nebenher läuft der Graben. Da ist es bei aller Vorsicht gut zu wissen: Im Dorf wohnt der Bauer mit dem leistungsstarken Trecker; der holt mich da raus.

 

Wie der Bauer mit dem Trecker in der Not uns durchaus etwas angeht, so könnte es sein, dass uns Gott in der Not etwas angeht.

Darum ist es gut zu wissen, was Gott tut und schon immer getan hat: Sünden vergeben, Schuld versenkt, rausgeholt, einen neuen Start ermöglicht.

 

Und vielleicht hilft uns ja allein die Aussicht auf den freundlichen Helfer in der Not, gar nicht in diese Situation zu kommen. Wir wissen, dass es notwendig werden kann gerettet zu werden und dass es eben keine Lappalie ist, im Graben zu landen und es der Retter sich viel kosten lässt uns herauszuziehen. Letztlich erinnert uns Christus am Kreuz ja gerade daran: An die Entschlossenheit und Schonungslosigkeit mit der Gott jedem und jeder nachgeht und die Schuld zertritt und ins Meer wirft. Ihr also jede Macht nimmt.

 

Nun werden manche sagen: „Davon merke ich nichts. Meine Schuld geht mir nach. Ich mache mit ständig Vorwürfe.“ Das gibt es ja auch: Phasen, in denen wir uns in unserm persönlichen Graben so festgefahren haben, dass uns jede Rettung unmöglich erscheint.

Da stecken wir dann. Konfrontiert mit unserer Situation und oft noch schlimmer mit dem Gefühl selbst mit verantwortlich zu sein.

Manchmal mag es guten Freunden gelingen, die Selbstzweifel zu zerstreuen; manchmal mag es sogar gelingen, die Schuld ein Stück weit mitzutragen, im verstehenden Gespräch, im Mit-Leiden, in Empathie. Aber die Schuld hat Kraft und ich frage mich, ob die Darstellungen des Engels Michael, des Namensvetters unseres Propheten. Ob also die Darstellungen, auf denen der Engelskrieger Michael gerüstet wie ein Ritter den Drachen besiegt unter seinen Füßen hat. Ob diese Abbildungen unsern Micha-Text im Sinn haben, in denen Gott als der beschrieben wird, der unsere Schuld unter die Füße tritt. Die Schuld und unserm Leiden daran, die Macht nimmt und besiegt ins Meer wirft.

 

Was für ein Zuspruch

„Im Himmel wohnt einer, der uns nicht ewig böse ist. Im Himmel wohnt einer, der Gefallen hat an Gnade. Er wird all unsere Schuld unter seine Füße treten und alle unsere Sünden in der Tiefe des Meeres versenken.“

 

 

So darf und so soll es auch in unserem Leben sein. Nichts anderes darf und soll auch aus dem Wissen erwachsen, dass Gott sich unser nach langem Selbstzweifel und Schuldbewusstsein wieder erbarmt. Hoffnung erwächst, dass sich alles zum Besseren wenden wird. Lebensfreude sprießt, die Energie und Tatendrang freisetzt, die Welt zum Besseren zu verwandeln. Freiheit erwächst das Leben als Geschenk zu ergreifen, Chancen, die es täglich bietet, zu nutzen und es dankbar zu genießen.

 

So versöhnt Gott sich mit uns. So ist es mit seinem Vergeben und Verzeihen. So ist es mit seiner Güte und seiner Gnade. So ist Gott! Das Finden und Gefunden werden ist Anlass zu Freude und zum Fest.

Mit Gott können wir der Freude am Leben huldigen. Denn unsere Schuld hat er in der Tiefe des Meeres versenkt, was verloren war ist gefunden!

 

Amen