Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 2020

Liebe Gemeinde!

Meine Friseurin erzählt, dass sich die Menschen richtig gefreut haben, als sie nach langen Corona-Wochen endlich wieder zum Friseur durften. Freudig, dankbar kamen sie in den Salon.

Mittlerweile sei das aber verflogen. Sie nimmt eine wachsende Anspannung wahr. Die sich in gedrückter Stimmung äußert. Oder in Gereiztheit und Aggression.

Auf dem Weg zum Friseur gab es an einer Kreuzung ein lautes Gehupe, böse Rufe. Es stimmt, meiner Beobachtung nach, dass Gereiztheit und Spannung in der Luft liegt.

Und ich würde auch sagen, dass sich bei vielen Wolken vor die Seelensonne gelegt haben. Vermutlich, weil es eine große Erschütterung ist, durch ein winzig kleines Virus gezeigt zu bekommen, wie verletzlich unser Leben ist. Auf wie dünnem Eis wir uns bewegen.

Stimmungen. Niemand sage, sie oder er sei davon unberührt (ich bin es sicher nicht). Es ist wichtig, Stimmungen wahrzunehmen. Und auch die eigenen Gefühle. 

Das führt zur eigentlichen Frage: bin ich Stimmungen und Gefühlen hilflos ausgesetzt? Oder liegt es an mir, wie weit ich ihnen Raum einräume? Wie weit ich Gereiztheit und Kümmernis „Recht“ gebe?

Im Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem 12ten Kapitel des Römerbriefes werden „Tipps“ gegeben, wie Negatives eingehegt werden kann.

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Seid auf Gutes bedacht, habt mit allen Menschen Frieden, überwindet das Böse mit Gutem….Tipps zum guten Leben sind das. Im Theologendeutsch „Ermahnungen.“

Dass es wichtig, ja entscheidend, ist, wie ich mich zu dem stelle, was ich erlebe, sagt nicht nur die Bibel. Psychologische Ratgeber, Weisheitslehren, sogar Kolumnen (nicht nur) in Frauenzeitschriften sagen, dass es auf die eigene Sicht und den eigenen Standpunkt ankommt.

Halb volles oder halb leeres Glas und so. „Think positive“, schreibe jeden Tag in ein Glückstagebuch, was gut war usw.

 

Paulus meint aber mehr als „denke positiv“.

Typisch für die realistische biblische Sicht ist, dass tatsächlich vom Bösen gesprochen wird. Es gibt „Böses.“ Es gibt negatives Denken und Handeln. Es gibt Feindschaft und Hass. Es gibt strukturelle Zusammenhänge, die uns in Schuld verstricken.

In der Bibel wird die Macht des Bösen fast personal gedacht. Auch hier klingt es nach Kampf, wie bei einem Ringkampf: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Interessant, dass die Ermahnungen davor in der Mehrzahl geschrieben sind, dieser Satz aber im Singular. Das klingt fast nach Mantra, nach einem Satz, den man innerlich ständig wiederholen soll, damit er das Äußere verändert. Keine tausend Einzelregeln, sondern ein klarer Grundsatz.

Böses überwinden mit Gutem…..

Wie geht das?

Mir hilft die Vorstellung, dass das letztlich nicht eigene Leistung ist. Sondern dass es darum geht, sich dem Guten zuzuwenden. Nicht nur dem guten Tun und Denken. Dem guten Gott.

Mir hilft die Vorstellung, dass es darum geht, sich hinzuwenden zum guten Gott, sich an IHM auszurichten.

Böses – Gutes. Finsternis – Licht.

Ihr seid Kinder des Lichts, heißt es im Epheserbrief. Also seid es auch!

Meiner Erfahrung nach heißt das nicht, alles zahnlos, harmlos, hilflos hinzunehmen. Christsein ist nicht lustvolle Opferhaltung. Eigenes Erleben und Fühlen benennen ist gut. Die „Rache“ Gott lassen heißt dann aus der Spirale der Gewalt auszusteigen. Aus den Machtspielen.

Offen sein. Wahrnehmen, was ist. Verletzungen spüren, aber sich nicht bannen lassen von ihnen. Ehrlich sein zu sich und anderen. Mitfühlen.

Bei Paulus ist das kein psychologischer Tipp. Der Ermöglichungsgrund dafür ist, sich in das Licht der Auferstehung zu stellen.

Ihr seid Kinder des Lichts. Also seid es auch!        Amen.

 

„Christus, dein Licht“ (Wwdl 11)

Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten,
lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht.
Christus dein Licht erstrahlt auf der Erde,
und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht.

 

Fürbittgebet

Allmächtiger und barmherziger Gott, Du Licht der Welt und unserer Seelen,
hilf uns, achtsam und liebevoll mit uns selbst umzugehen.

Hilf uns, achtsam und liebevoll miteinander umzugehen. Mit denen, die uns anvertraut sind. Auch mit denen, die uns nicht friedvoll begegnen.

Deiner einen Kirche in den verschiedenen Konfessionen hilf Leuchtturm des Friedens und der Wahrhaftigkeit zu sein.

Das unsere beizusteuern zum Guten, dazu verhelfe uns. Und dazu, uns ganz Dir zu lassen.

Du durchdringest alles; lass Dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten,
lass mich so, still und froh, Deine Strahlen fassen und Dich wirken lassen. Amen.

Vater unser

Segen

Der HERR segne dich und behüte dich.

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

 

Martin Henzler-Hermann, Pfarrer an der Evang. Stadtkirche Ravensburg