8. Sonntag nach Trinitatis

Andacht 02. August 2020

Liebe Gemeinde!

Bei der letzten großen Renovierung 1965/66 hat der Künstler Ulrich Henn mehrere Kunstwerke für die Stadtkirche geschaffen. Unter anderem das Altarkreuz. In der Mitte die Kreuzigung Jesu. Darum herum gruppiert mehrere Medaillons mit Wundergeschichten. Diese interpretieren und zeigen das eine große Wunder, das allen Wundererzählungen der Evangelien gemeinsam ist. Es sind jeweils Begegnungen mit Jesus. Jesus begegnet „auf Augenhöhe“. Begegnung. Beziehung. Beziehung zu Jesus hat heilenden Charakter!

Auffallend oft wird im Evangelium die Heilung von Blinden erzählt. Ihnen werden die Augen geöffnet. Sie können sehen. Nicht nur im biologischen Sinn, sondern auch geistlich. Während die Jünger und andere Umstehende meistens nicht verstehen, nicht „sehen“ können, was passiert. Sie sind innerlich, sie sind geistlich „blind“.

So ist es auch im Predigttext für heute aus dem 9ten Kapitel des Johannesevangeliums. Da „sehen“ die Jünger nicht die Not, nicht den blinden Menschen. Sondern sie diskutieren – menschlich abständig und theologisch abwegig – die Schuld des Kranken.

Jesus begegnet. Jesus berührt, rührt an. Das schenkt eine neue Sicht, ja ganz neue Lebensmöglichkeiten, ganz neue Perspektiven.

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.  Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?  Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.  Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.  Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.  Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Das Wunder: Jesus begegnet. Jesus berührt, ganz körperlich. Der Blinde kann sehen. Ihm eröffnen sich neue Lebensmöglichkeiten, neue Perspektiven. Während die Jünger es nicht blicken.

Wie gesagt, dieses Motiv begegnet auffallend oft in den Evangelien.

Wenn ich es richtig sehe, wird hier aber noch mehr erzählt. Vielleicht wird sogar der Weg des geistlich-sehend-werdens beschrieben.

Der „Weg“ des sehend-werdens? Ja, der Weg. Ein Prozess wird beschrieben, ein fortschreitender Weg. Der Blinde sieht nicht sofort. Er muss sich aufmachen, sich weg bewegen von seinem angestammten Platz, hinab zum Teich Siloah.

Diese fortschreitende Erzählung beschreibt den inneren, geistlichen Weg zum Heil. Mit mehreren „Stationen“.

1      „Suchet, so werdet Ihr finden“ heißt es zwar – hier wird aber nicht vom Suchen des Blinden berichtet. Sondern Jesus „sah“ ihn. Jesus geht auf ihn zu. Der Ermöglichungsgrund zum Heil liegt außerhalb von uns. Es ist eröffneter, geschenkter Raum. Wie im Sakrament der Taufe. Die Möglichkeit, geistlich sehend zu werden ist nicht eigene Leistung, sondern Geschenk. Gnade. Gott, Jesus tritt in Beziehung. Er will Begegnung und Beziehung.

2     Die theologische Debatte der Jünger um die Schuld des Blinden wischt Jesus mehr oder weniger weg. Ist das ein Hinweis, dass – zumindest in Bezug auf den inneren, geistlichen Weg – die Frage nach Schuld nicht wirklich wichtig ist? Oder vielleicht sogar darauf, dass für diesen Weg theologische Spitzfindigkeiten und dogmatische Festlegungen nur Ballast sind?

3     Lange habe ich überlegt, was es mit dem „Brei“ auf sich hat. Martin Luther übersetzt „Brei“. Das griechische Wort ist pälós, „Lehm.“ Im Alten Testament wird Gottes Schöpferwirken öfter mit einem Töpfer verglichen. Gleich im zweiten Kapitel der Bibel nimmt GOTT Erde und erschafft den „Erdling“ aus Erde/Lehm und Lebensodem. Adam wurde aus dem lehmigen Ackerboden gebildet. Warum „macht“ Jesus im heutigen Evangelium selbst diesen pälós/Lehm und streicht ihn dem Blindgeborenen auf die Augen? Um das medizinische Sehvermögen geht es da sicher nicht mehr, im Gegenteil! Das schwere Material „Lehm“ vermauert dem Patienten ja geradezu die Aussicht.  Eher geht es darum: innerlich sollen wir sehend werden - und dann erkennen, wie groß und gütig unser Schöpfer und Heiland ist. Und was für armselige, vergängliche Geschöpfe wir sind. Diese Erkenntnis ist tatsächlich heilsam: Gott ist Gott. Wir sind Menschen, Geschöpfe. Das macht uns „klein“, befreit uns von der Selbstvergottung. Und es macht uns „groß“ in der Beziehung zu Gott.

4     Solch geistliche Erkenntnis ist immer auch Selbsterkenntnis. Der jetzt „geerdete“ Blinde soll nicht an seinem angestammten Platz bleiben. Er wird gesandt. Er macht sich auf, hinab zum Teich Siloah. Das ist ein wirkliches „hinabsteigen.“ Der Teich liegt unterhalb der Stadt. Durch einen Tunnel wird das Wasser in den Teich hinabgeleitet.  In der Tiefenpsychologie ist ein Teich / eine Wasserfläche das Symbol für die Seele. Wer zu seinem wahren Selbst finden will, muss hinabsteigen in seine Seele. Was oft Aufbruch und Mut erfordert. Und Vertrauen – auf Gott, auf Jesus. Darauf, dass sich am Grund unserer Seele, am Grund unseres Seins der Heiland findet. Die Begegnung mit Jesus ist der Schlüssel zu unserer Seele. Und zu unserem Seelenheil.

Der Anfang des neuen Lebens ist, dass der auf Jesus Vertrauende – wie der Blindgeborene in der Erzählung - alle Erdenschwere abwäscht. Und sieht. Im Licht des Heilandes. Im Morgenglanz der Ewigkeit. Amen.

 

Martin Henzler-Hermann
Pfarrer an der Evang. Stadtkirche Ravensburg