Karfreitagsandacht als PDF

Andacht zu Karfreitag, den 10. April 2020

Pfarrer Jäggle, Aufnahme des Andachtsvideo

 

Lied

„Es ist das Heil uns kommen her“ (EG 342, 1.4)

1. Es ist das Heil uns kommen her

von Gnad und lauter Güte;

die Werk, die helfen nimmermehr,

sie können nicht behüten.

Der Glaub sieht Jesus Christus an,

der hat für uns genug getan,

er ist der Mittler worden.

 

4. Und wenn es nun erfüllet ist

durch den, der es konnt halten,

so lerne jetzt ein frommer Christ

des Glaubens recht Gestalte.

Nicht mehr denn: »Lieber Herre mein,

dein Tod wird mir das Leben sein,

du hast für mich bezahlet.«

 

Psalm 22Nr. 709

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,

und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Du aber bist heilig,

der du thronst über den Lobgesängen Israels.

Unsere Väter hofften auf dich;

und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

Zu dir schrien sie und wurden errettet,

sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;

denn es ist hier kein Helfer.

Aber du, Herr, sei nicht ferne;

meine Stärke, eile, mir zu helfen!

 

Eingangsgebet

Großer Gott, durchbrich unsere Verschlossenheit.

Sende deinen kräftigen Geist,

dass er uns bei deinem Wort festhält,

uns die Hoffnung bewahrt

und die Ausdauer schenkt,

als befreite Kinder

den Weg der Freiheit

und des Friedens zu gehen,

bis du vollendest,

was du begonnen hast –

und bis dahin: sei uns gnädig

Amen

 

 

Ich lade Sie heute ein, mit mir einen Blick auf unser Altarkreuz zu werfen. Ulrich Henn, der es in den 60er Jahren geschaffen hat, beschränkte sich nicht nur auf die Darstellung von Ereignissen aus der Passion. Er zeigt in kleine Medaillons Szenen aus Jesu ganzem Leben.

 

Das Spannende daran ist, besonders in unseren Tagen der Kontaktbeschränkungen, dass Jesus fast ausschließlich in Begegnung mit anderen Menschen dargestellt wird.

 

So zeigt das erste Bild, das ich mit Ihnen betrachten möchte, eine Begegnung, die im Evangelium so häufig beschrieben ist, dass man gar nicht mit Sicherheit sagen kann, welche Begebenheit genau dargestellt ist.

 

Ein Mensch kommt zu Jesus. Die Hoffnung, vielleicht auch die Verzweiflung haben ihn getrieben. Die Sorge um einen geliebten Menschen oder um das eigene Ergehen lassen ihm keine andere Wahl. Immer wieder sind Menschen so zu Jesus gekommen. Wer die Person ist? Wir wissen es nicht sicher. Ob es der Vater oder die Mutter ist, die für das kranke Kind bittet, der blinde Bettler oder die Aussätzige, denen kein Arzt ihrer Zeit helfen konnte.

Viele Menschen kamen zu Jesus oder wurden zu ihm gebracht. So viele, dass im ersten Kapitel des Markusevangeliums Christus eingeführt werden kann mit den Worten: „Und sie brachten alle Kranken zu ihm.“

 

Und Jesus wendet sich ihnen zu. Wie wir es auf dem Bild sehen.

Er weicht dem Leiden nicht aus. Er streckt die Hand zur Berührung aus. Er begegnet dem Menschen in seiner Not und nimmt ihn als Person wahr.

Das ist das Einzigartige an den Erzählungen von Jesus als Wunderheiler. Es geht nicht allein um den Erweis der göttlichen Macht, der Mensch der gesund gemacht wird, ist nicht Mittel zum Zweck, sondern das Ziel. Es geht um ihn.

Deshalb ist es auch mehr als ein Anhängsel, wenn Jesus immer wieder am Ende einer Heilung zu seinem Gegenüber sagt: Dein Glaube hat Dir geholfen.

Nicht um das göttliche Wirken klein zu machen, sondern um das Personsein seines Gegenübers herauszustreichen.

Dein Glaube hat Dir geholfen heißt: Du bist mehr als eine Nummer in der messianische Heilungs - Statistik,
es wird nicht nur an Dir gehandelt, Du selbst mit Deiner Person, deinem Glauben bist wichtig.

Wie schön, was für eine gute Botschaft!

Es beunruhigt mich hingegen, wie sehr die Zahlen und Kurven in diesen Tagen die Blicke auf sich ziehen und zum Maß von Wohl und Wehe werden. Wir werden alle immer mehr zu Statistikern und wägen Basisreproduktionszahlen und Wirtschaftsindexe gegeneinander ab.

Wir objektivieren und legen einen möglichst großen Maßstab an, um dem Leid nicht ins Auge blicken zu müssen und spüren gleichzeitig die Einsamkeit, die uns durch die kalten Zahlen entgegenweht.

 

Jesus ist anders. Er rechnet und kalkuliert nicht.  Er begegnet und berührt, auch wenn ihm das Risiko, dass im Sich-Öffnen, im Sich-Einlassen liegt, schmerzlich bekannt war. Er tut dies, weil er weiß, dass sein Leben nur so zur Offenbarung des Gottes werden kann, der jedem Menschen nachgeht.

Jesus hat sich der Begegnung nicht entzogen, selbst als es um das eigene Leben ging.

 

Wir haben gestern Abend, am Gründonnerstag darüber nachgedacht, was das heißt, was es wirklich bedeutet, dass Jesus auch mit Judas an einem Tisch sitzt und zu ihm in gleicher Weise, wie zu allen Jüngern sagt. Nehmt und esst! In der Gemeinschaft mit mir - mit Gott liegt die Vergebung der Sünden.

 

Jesus nimmt seine Gegenüber und seine Botschaft ernst. Er kennt die Menschen,

weiß aus eigenem Erleben, wie schwer es manchmal ist das Vertrauen und die Freude nicht zu verlieren. Er weiß, was ihm seine Liebe und Treue abverlangen wird.

Und all dem entzieht er sich nicht, sondern von Angst und Grauen erfüllt im Garten Gethsemane wartet er auf die Begegnung mit Judas, der ihn durch einen Kuss verraten wird. Wer sich berühren lässt, setzt sich aus.

 

Viel ist über Judas und seine Motive nachgedacht worden. Waren es Liebe oder Hass, die ihn angetrieben haben, Eifer oder Enttäuschung, die ihn dazu brachten, Jesus an seine Peiniger auszuliefern?

 

Schuld und Verantwortung klar zu verteilen, das liegt uns Menschen, am besten von uns weg. Beschuldigen fällt immer leichter als entschuldigen. Verurteilen leichter als Verzeihen.

Wer trägt die Schuld am Virus, seiner Verbreitung, der Angst zu kurz zu kommen und all den egoistischen Reflexen, die sich auch in uns regen.

 

Jesus kennt das. Die Frage nach dem Warum, die immer den im Kern quälenden Gedanken in sich trägt, ob nicht alles auch ganz anders sein könnte.

Er kennt diese Frage, aber er weicht ihr nicht aus.

Jesus weicht nicht aus. Gott weicht nicht aus. Er geht mitten hinein ins Leiden. Dafür steht der Gekreuzigte, dafür steht Karfreitag.

 

Denken wir an Jesu Worte: Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

 

Die Frage nach dem Warum ist da, wie sie in jedem Menschen, der mit Leiden konfrontiert wird laut wird.

Und Jesus leidet erbärmlich.

Das Frage nach dem „Warum“ ist selbst Teil des Leidens, weil es die Erkenntnis einschließt, dass wir so vieles nicht verstehen.

Warum leide ich an dieser Krankheit, warum sterben so viele Menschen trotz aller unsren Medizin und Vorsorge?

 

Die Pandemie wirft uns zurück auf die Erkenntnis, dass unser Nichtwissen gravierend ist. Das es vielleicht auch angesichts der Komplexität der Welt nicht anders sein kann.

Covid 19 stellt uns in eine Reihe mit allen Menschen der Geschichte, die das am Kreuz personifizierte Leiden der Menschheit betrachten, und erkennen, dass sie es nicht verstehen.

 

Die erkennen müssen, dass es ihr Verstehen übersteigt, warum Menschen an Krankheit, Gewalt oder Armut leiden.

Das Kreuz konfrontiert uns mit unserer Begrenztheit, unserer Endlichkeit. Auf eine viel grundsätzlichere und umfassendere Weise als es jede Krankheit kann. Das Corona Virus kann uns nur daran erinnern, was uns das Kreuz immer schon gesagt hat:

Du und Dein Leben ihr seid begrenzt.

 

Und gleichzeitig und trotzdem ist das Kreuz für uns als Christinnen und Christen viel mehr als ein memento mori, ein Sinnbild der Vergänglichkeit.

 

Im Kreuz begegnet uns gleichzeitig Jesus, erkennen wir nicht eine Antwort auf das Warum, aber auf das Wozu:

Jesus Christus hat das Kreuz auf sich genommen, um uns zu begegnen.

Gott begegnet uns selbst im Leiden. Das Kreuz verspricht uns, mit all seiner Wucht:

 

Du bist nicht nur Zahl in einer Statistik oder Teil einer Risikogruppe.

Du bist mir, Gott dem Höchsten, ein Gegenüber. Ich sehe Dich an und sage Dir: Dein Glaube hat Dir geholfen.

Amen

 

Fürbitten

Allmächtiger und barmherziger Gott,

Du bist unserer Seelen Stärke und Licht. Du bist die Liebe. Aus der Fülle Deiner Gnade leben wir. Danke.

Vor Dir denken wir an alle, die unter Enge und Mangel leiden.

Vor Dir denken wir an die Ängstlichen und Verzagten.

Den Kranken sei nahe. Und denen, die sich um sie kümmern.

Besonders bete ich für:  …………..

Lass leuchten Dein Angesicht über ihnen und mir. Amen.

 

Lied

Ich habe nun den Grund gefunden (EG 354, 1.7)

 

1. Ich habe nun den Grund gefunden,

der meinen Anker ewig hält;

wo anders als in Jesu Wunden?

Da lag er vor der Zeit der Welt,

der Grund, der unbeweglich steht,

wenn Erd und Himmel untergeht.

 

7. Bei diesem Grunde will ich bleiben,

solange mich die Erde trägt;

das will ich denken, tun und treiben,

solange sich ein Glied bewegt;

so sing ich einstens höchst erfreut:

o Abgrund der Barmherzigkeit!

 

SEGEN

Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden. AMEN

 

Pfarrer Philipp Jägle