Pfingstsonntag, 31. Mai 2020

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

AMEN.

 

Psalm 36

(in der Auswahl EG 719)

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, *

und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehn.

Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes *

und dein Recht wie die große Tiefe.

Wie köstlich ist deine Güte, Gott,

dass Menschenkinder Zuflucht haben

unter dem Schatten deiner Flügel!

Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, *

und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,

und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

 

Eingangsgebet

Allmächtiger und barmherziger Gott,

in all den Dingen und Fragen, die wir nicht verstehen,

die uns beunruhigen und bedrücken – bring uns Klarheit

und Wahrheit durch Deinen Geist.

Komm, Du Stern auf dem Meere, Du Hafen im Schiffbruch.

Komm, aller Lebendigen herrlichster Schmuck,

aller Sterbenden einziges Heil. Komm, Heiliger Geist,

bereite uns und lass Dich in Gnaden zu uns herab.

Amen.

 

Lied

„O Heilger Geist, kehr bei uns ein“ (EG 130,1-3)

1. O Heilger Geist, kehr bei uns ein und lass uns deine Wohnung sein, o komm, du Herzenssonne. Du Himmelslicht, lass deinen Schein bei uns und in uns kräftig sein zu steter Freud und Wonne. Sonne, Wonne, himmlisch Leben willst du geben, wenn wir beten; zu dir kommen wir getreten.

2. Du Quell, draus alle Weisheit fließt, die sich in fromme Seelen gießt: lass deinen Trost uns hören, dass wir in Glaubenseinigkeit auch können alle Christenheit dein wahres Zeugnis lehren. Höre, lehre, dass wir können Herz und Sinnen dir ergeben, dir zum Lob und uns zum Leben.

3. Steh uns stets bei mit deinem Rat und führ uns selbst auf rechtem Pfad, die wir den Weg nicht wissen. Gib uns Beständigkeit, dass wir getreu dir bleiben für und für, auch wenn wir leiden müssen. Schaue, baue, was zerrissen und beflissen, dich zu schauen und auf deinen Trost zu bauen. und sich darinnen übe.

 

Schriftlesung

Apostelgeschichte 2,1-21

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort.

Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.

Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.

Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.

Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer?

Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?

Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia,

Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen,

Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?

Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte!

Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages;

sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist:

»Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;

und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf;

die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt.

Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

 

Predigt

Liebe Gemeinde!

Und plötzlich konnte man alle verstehen: Parther und Meder, Menschen aus Kappadozien, Phrygien und Pamphylien… - so heißt es in der Schriftlesung (Apostelgeschichte 2,1-21). Damit ist schon das Problem benannt: es gibt so viele unterschiedliche Menschen; und unterschiedliche Sprachen; und unterschiedliche Ansichten. Die Menschheit ist zersplittert, die Wahrheit zersplittert sich. Manchmal weiß man ja kaum, wer man selber ist.

Wir tragen eine tiefe Sehnsucht in uns nach Klarheit, nach Einfachheit, nach Harmonie. Danach verstanden zu werden und zu verstehen.

Warum diese Sehnsucht nie ganz erfüllt wird? Die biblische Geschichte dazu ist die vom Turmbau zu Babel. Sprachverwirrung, sich nicht mehr verstehen können - als Strafe Gottes auf die Großmannsucht der Menschen.

Verwirrung. Unverständnis. Zwietracht.

Pfingsten ist das Gegenwunder dazu. Einheit. Verständnis. Eindeutigkeit. Klar und einfach. Kraftvoll.

Kraftvoll - wie ein brausender Wind, wie Feuer. Alle Symbole für den Heiligen Geist, für das Wahrwerden des Evangeliums hier und heute, sind voller Kraft und voller Energie.

Wie wird es wahr, hier und heute? Darum geht es an Pfingsten. Hier. Heute. Dir und mir. Wahr werden.

Wahr werden. Kraftquelle ist Gott und seine Wahrheit. Verstanden werden und verstehen. Klar und einfach.

Wobei ein zweiter Blick auf die Pfingstgeschichte zeigt, dass es – zumindest für Beobachter – so eindeutig auch wieder nicht war. „Die haben wohl zuviel getrunken“ spotten sie.

Selbst das Pfingstwunder der eindeutigen Wahrheit…. bedarf der Deutung. Weshalb Petrus aufstand und das Geschehen erklärte. Petrus predigt. Und er nimmt dazu die Heilige Schrift zu Hilfe. „Versteht Ihr denn nicht? Da stehts doch geschrieben, beim Propheten Joel!“

Ja, schon im Alten Testament ist immer wieder die große Sehnsucht ausgedrückt nach Verständnis und Verständigung. Nach dem Geist der Einheit. Nach Aufhebung der Gegensätze.

Wobei diese Deutung aus dem Propheten Joel immer noch Fragen offenlässt. Wenn z.B. von „Zeichen“ die Rede ist, von „Rauchdampf und Sonnenfinsternis…“

Wirklich einfach, klar und kraftvoll wird es erst am Ende des Zitates: „wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.“

Wer den Namen des Herrn anruft – das heißt doch: wer sich in Beziehung setzt zu Gott - der wird errettet.

Wahre Erkenntnis geht nicht allein. Wahre Zugehörigkeit, wahrer Seelengrund geht nicht allein. Sondern nur in Beziehung zu Gott.

Erst wenn ich mich nicht (mehr nur) um mich selbst drehe, sondern mich beziehe, wachse ich über mich hinaus. Dann werde ich hineingestellt in den weiten Horizont des Lichts, des Lebens, der Liebe.

In die Kraft des Lebens. In die Liebe Gottes. In das Licht der Auferstehung.

Das muss sich ereignen. Das können wir nicht selber „machen.“ Und wenn es geschieht: wenn wir glauben, lieben, hoffen; wenn wir über uns hinausgeführt werden, wird das als etwas erlebt, was an uns geschieht. Als eine Kraft außerhalb von uns. Die doch in uns wahr wird.

Heiliger Geist: Kraft von außerhalb. Die in uns wahr wird.

Die Erzählung vom ersten Pfingstfest erzählt wie nebenbei, dass die große Wahrheit des Evangeliums nicht von allen und nicht von allein verstanden wird.

Die Geschichte ist aber auch Ausdruck der Erfahrung, dass Gottes Geist und Gegenwart erfahrbar ist. Hier und heute. Von Dir und mir.

Dazu ist nicht nötig, alles vernünftig zu verstehen. Es kommt einzig darauf an, in Beziehung zu Gott zu sein. Sich in SEIN Licht zu stellen.

„Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.“

So einfach ist das. So klar.

O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, Verbanne Trug und Schein.“  Amen.

 

Lied

„O komm, du Geist der Wahrheit“ (EG 136,1-3)

1. O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.

Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an,

dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann.

 

2. O du, den unser größter Regent uns zugesagt:

komm zu uns, werter Tröster, und mach uns unverzagt.

Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit

die scharf geschliffnen Waffen der ersten Christenheit.

 

3. Unglaub und Torheit brüsten sich frecher jetzt als je;

darum musst du uns rüsten mit Waffen aus der Höh.

Du musst uns Kraft verleihen, Geduld und Glaubenstreu

und musst uns ganz befreien von aller Menschenscheu.

 

Fürbittgebet

Gebet mit Worten von Lied EG 136,1+7

Lasst uns beten:

O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.

Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an,

dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann.

Du Heilger Geist, bereite ein Pfingstfest nah und fern;

mit deiner Kraft begleite das Zeugnis von dem Herrn.

O öffne du die Herzen der Welt und uns den Mund,

dass wir in Freud und Schmerzen das Heil ihr machen kund.

Amen.

 

Vater unser….

 

Segenslied

„Gnädiger Gott, lass dein Angesicht leuchten“

Gnädiger Gott, lass dein Angesicht leuchten!

Kehr bei uns ein mit dem Geist deiner Kraft!

Gnädiger Gott, steck uns an mit der Liebe,

die neues Leben schafft!

Kehr bei uns ein mit deiner Kraft!

 

Segen

Der HERR segne dich und behüte dich.

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

 

Martin Henzler-Hermann
Pfarrer an der Evang. Stadtkirche Ravensburg